kennenlernen, wandern, diskutieren: Bericht vom ersten Wochenende von MUSKEPEER 2016

SeminarsituationWie kann Beteiligung an dem, was mit Jugendlichen in Heimen und Wohngruppen geschieht, ausgebaut werden? Wieviel Beteiligung ist schon umgesetzt? Was sind die Themen der Jugendlichen? Das waren die Fragen, die im ersten Seminar von MUSKEPEER im Zentrum standen.

Es hatten sich Ende April 2016 insgesamt 17 Jugendliche aus sächsischen Heimen und Wohngruppen angemeldet. Die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren kommen aus Zwickau, Leipzig, Treuen, Kamenz und Dresden. Das erste Wochenende verbrachten wir in Wehlen in der Sächsischen Schweiz.

Nach dem Treffen am Hauptbahnhof in Dresden (alle haben sich gefunden, obwohl es für alle ja das erste Mal war) ging es weiter mit der S-Bahn nach Wehlen. Sieben Jungen und zehn Mädchen sowie vier Teamer_innen nahmen das Selbstversorger- Haus direkt am Marktplatz von Wehlen in Beschlag, schauten sich alle Zimmer an, bezogen ihre Betten und trafen sich zur ersten Runde.

Alle Jugendlichen sind zu MUSKEPEER gekommen, um über Beteiligung zu sprechen. Viele haben schon Erfahrungen als Gruppensprecher_innen, als Mitglied im Heimrat oder im Dorfrat. Andere wollten über Beteiligung mehr erfahren, wollten sich fit machen für die Beratung anderer Jugendlicher in ihren Einrichtungen. Eine bunte Mischung.

Am ersten Wochenende ging es vor allem darum, dass wir uns alle kennenlernen. Am Anfang haben wir nach den Erwartungen und Befürchtungen gefragt, die sich mit der Seminarreihe verbinden. Erwartet werden z.B. „tolle Erfahrungen“, „interessanten Diskussionen“ an denen sich „alle beteiligen“ sollen oder auch „neue Freundschaften und eine tolle Zeit“. Befürchtet werden „Streit“, „Zickenkrieg“, „Ausgrenzungen“, „Beleidigungen“ oder auch „nicht genügende Ernsthaftigkeit“ in den Seminaren. Damit ist auch klar, was die BeteiligungstreppeJugendlichen von den MUSKEPEER-Seminaren wollen: eine gute Zeit mit Inhalten, über die diskutiert werden soll in einer angenehmen Stimmung. Damit das gelingt, wurden einige wenige Regeln aufgestellt – diese aber ausschließlich von den Jugendlichen selbst. Anschließend gab es Pizza vom Lieferdienst – durchaus nicht ganz einfach zu organisieren im ländlichen Raum. Aber es gelang. Anschließend wurde der Seminarplan gemeinsam mit den Jugendlichen besprochen.

Der Ansatz des Seminars ist stark beteiligungsorientiert. Das bedeutet auch, dass wir die Jugendlichen aufgefordert haben, mitzuentscheiden, was und wie wir etwas thematisieren und wie wir gemeinsam das Seminar gestalten wollen. Insofern ist Beteiligung nicht ein Thema oder eine Methode. Es ist ein Ansatz, der auch eingeübt werden muss. Nicht alle Jugendlichen konnten mit dieser Form von Beteiligung sofort umgehen. Es wird deutlich: Beteiligung muss eingeübt werden.

Wir hatten die Jugendlichen gebeten, ein Video mit ihrem Handy zu drehen über ihre Wohngruppe. Diese Videos haben wir gemeinsam angeschaut und so einen ersten Eindruck von der Lebenssituation der Jugendlichen bekommen – spannende Einblicke!
Als Einstieg in das Thema Beteiligung in der Wohngruppe haben wir nach Dimensionen des Themas gefragt: was ist für Euch Beteiligung? Beteiligung ist… miteinander, reden und zuhören, wenn wir bei Regeln mitsprechen können, wenn wir unsere Meinung zu jeder Zeit sagen können, wenn wir auch mitbestimmen können, wie Konsequenzen und Strafen aussehen.

Anhand der Beteiligungstreppe konnten die Jugendlichen diskutieren, auf welcher Stufe die Themen stehen, die ihnen als Beteiligungsthemen in ihrer Wohngruppe zur Verfügung stehen. Auch das MUSKEPEER-Seminar selbst haben wir dann mit den Jugendlichen gemeinsam eingeordnet: zwischen „Mitbestimmung“ und „Selbstbestimmung“.
Beteiligung und Wohlbefinden haben etwas miteinander zu tun. Also fragten wir nach den Merkmalen von Wohlbefinden in der Wohngruppe: Wann fühlt ihr Euch wohl in Eurer Wohngruppe?

Ich fühle mich wohl in meiner Einrichtung, wenn:

  • sich an Ordnung und Absprachen gehalten wird,
  • ich mich zurückziehen kann und das auch akzeptiert wird,
  • das Gruppenklima stimmt,
  • die Angebundenheit gut ist (Straßenbahn, Cafe´s, Bus, Einkaufsmärkte),
  • wir gemeinsame Aktionen unternehmen,
  • ich mich mit meinen Betreuern und Mitbewohnern gut verstehe, d.h. man verbringt Zeit miteinander und spricht auch über Probleme, Sorgen, Ängste & Wünsche,
  • meine Privatsphäre respektiert wird von den Jugendlichen & Betreuern,
  • ich merke, dass die Betreuer ein gewisses Interesse für mich haben,
  • die Betreuer mir nicht unnötig Stress machen,
  • ich mir die Wohngruppe tatsächlich aussuchen durfte,
  • es wie eine zweite Familie für mich ist. Wir kümmern uns umeinander, wenn es Probleme gibt, sind füreinander da und helfen uns, sogar die jüngeren Kids. Unsere Bezugsbetreuer sind total präsent für uns,
  • ich verstanden werde. Ich habe das Gefühl, dass mit meistens niemand zuhört und dass mich niemand versteht,
  • die eine Erzieherin da ist, weil ich sie besonders mag,
  • ich im Zimmer bin und laute Musik höre. Dann stört mich keiner und ich habe meine Ruhe vor den anderen.

Aber auch für Freizeit stand auf dem Seminar Zeit zur Verfügung. Mit Bussen sind wir zu einem Kletterfelsen in Gamrig in Rathen gefahren. Gemeinsam sind wir aufgestiegen und haben die schönen Seiten der Sächsischen Schweiz gesehen.
Und wir kommen sicher wieder. Alle 17 Jugendlichen und fünf Teamer_innen wollen schon Mai wieder miteinander arbeiten an dem Thema Beteiligung. Auf dass es mehr Möglichkeiten zur Beteiligung in der sächsischen Heimerziehung gibt. Denn dafür wollen wir streiten.